Wieso dieser eindruck entsteht und was stimmt
Willentlich konzentrieren
mit ADHS?
Vorurteil: Menschen können sich konzentrieren mit ADHS, wenn sie es nur wirklich wollen!
Was ich immer wieder dazu hören muss:
- Du strengst dich nur nicht genug an!
- Das geht doch sonst auch!
- Bei Dingen die dir Spaß machen kannst du es ja!
- Das Leben besteht nicht nur aus Sachen die wir gerne machen wollen!
- Ich will auch oft nicht und muss es trotzdem machen!
Falls du diese Aussagen auch schon öfter gehört hast,
kannst du dir hier gute Antworten und Erklärungen holen.
Wenn du bisher vielleicht so ähnlich gedacht hast,
kannst du dich hier intensiver mit dem Thema beschäftigen!

Du kannst dich konzentrieren, wenn du es wirklich willst!
ADHS wird oft missverstanden. Ein weit verbreitetes Vorurteil ist, dass Menschen mit ADHS sich problemlos konzentrieren könnten, wenn sie nur “wollen” würden.
Dieser Eindruck entsteht oft, weil Betroffene in bestimmten Situationen eine tiefe Konzentration oder sogar extreme Fokussierung (genannt Hyperfokus) zeigen. Doch was hinter diesem Phänomen steckt hat nichts mit mangelndem Willen zu tun – es ist ein neurologischer Mechanismus der anders funktioniert als bei neurotypischen Menschen.
Woher kommt der Eindruck, dass Menschen mit ADHS sich konzentrieren können, wenn sie wollen?
Das Phänomen, dass Menschen mit ADHS in einigen Momenten unglaublich fokussiert und in anderen extrem abgelenkt sind, wird oft als Hyperfokussierung bezeichnet.
Diese Hyperfokussierung tritt auf, wenn eine Person mit ADHS in eine Tätigkeit eintaucht die sie extrem interessiert oder stimuliert. In diesen Situationen können sie stundenlang fokussiert arbeiten ohne das Gefühl zu haben, dass Zeit vergeht. Für Außenstehende scheint es als hätten sie plötzlich Kontrolle über ihre Konzentration und deshalb entsteht der Eindruck, dass sie in allen Situationen fähig wären sich zu konzentrieren, wenn sie es nur wirklich intensiv genug versuchen würden.
In Wirklichkeit ist das Problem bei ADHS jedoch kein Mangel an Wollen oder Motivation, sondern ein Mangel an Steuerung der Aufmerksamkeit. Menschen mit ADHS haben Schwierigkeiten ihre Aufmerksamkeit gezielt und bewusst auf Aufgaben zu lenken, die keine starke emotionale oder intellektuelle Anziehungskraft auf sie ausüben. Alltägliche, langweilige oder routinemäßige Aufgaben wie das Ausfüllen von Formularen, Aufräumen oder manche Hausübungen wirken auf das Gehirn weniger stimulierend, sodass die Person mit ADHS Schwierigkeiten hat sich darauf zu konzentrieren.
Selbst wenn sie es wirklich wollen – ihr Gehirn “macht nicht mit”.
Ein klassisches Beispiel aus der Familie:
Eine Mutter die ihren Sohn (mit ADHS) über Stunden hoch konzentriert vor dem Computer spielen sieht und der beim erledigen seiner Hausübung keine 5 Minuten still sitzen und konzentriert bleiben kann.
Ohne Diagnose und ausreichendes Wissen über ADHS, kann es der Mutter natürlich so vorkommen, als würde er dieses Verhalten „vorsätzlich“, „willentlich“ oder „zufließt“ machen. Doch das entspricht nicht der Realität!
Beim Spielen wird deutlich mehr Dopamin ausgeschüttet, was beim Sohn die erhöhte Konzentration auslöst.
Warum ADHS die Fähigkeit zur Konzentration beeinflusst
Das grundlegende Problem bei ADHS ist eine Störung der Exekutivfunktionen des Gehirns die für das Planen, Fokussieren, Organisieren und Priorisieren verantwortlich sind. Die Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin, die in den dafür zuständigen Hirnregionen eine wichtige Rolle spielen, sind bei Menschen mit ADHS unzureichend reguliert. Dadurch fällt es ihnen schwer den sogenannten “Fokus-Schalter” bewusst zu betätigen.
Neurotypischen Menschen sind in der Lage ihre Aufmerksamkeit auf eine Aufgabe zu lenken, einfach nur weil sie wissen, dass sie erledigt werden muss – auch wenn sie langweilig ist. Im Unterschied dazu funktioniert das bei Menschen mit ADHS auf Grundlage von Interesse und Reiz. Ihr Gehirn schaltet sich besonders dann ein, wenn etwas emotional ansprechend, herausfordernd oder neu ist. Sobald die Aufgabe aber ihren Reiz verliert oder zur Routine wird schwindet auch die Fähigkeit die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten.
Daher trifft die Annahme “Wenn du dich wirklich anstrengst, kannst du dich auch konzentrieren” einfach nicht zu. Die Fähigkeit zur Konzentration bei ADHS ist nicht willentlich gesteuert, sondern wird von der Neurologie der betroffenen Person maßgeblich beeinflusst.
Warum Konzentration bei ADHS nicht einfach eine Frage der Anstrengung ist
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Vorstellung „Menschen mit ADHS könnten sich konzentrieren, wenn sie nur wollen” schlichtweg falsch ist.
Das Gehirn eines Menschen mit ADHS funktioniert anders als das eines neurotypischen Menschen. Es reagiert auf Reize, Interesse und Emotionen stärker als auf Routinen und Verpflichtungen.
Dies führt zu scheinbar widersprüchlichem Verhalten: In Momenten der Hyperfokussierung scheinen Menschen mit ADHS unermüdlich und extrem leistungsfähig zu sein, während sie in anderen Situationen kaum in der Lage sind einfache Aufgaben zu erledigen.
Diese neurologische Realität kann nicht durch Willenskraft überwunden werden.
Es ist daher wichtig dieses eigenwillig erscheinende konzentrieren bei ADHS nicht als Schwäche des Charakters zu sehen. Es ist eine biologische Herausforderung die mit der richtigen Unterstützung – einschließlich Verhaltenstherapie, Coaching und medikamentöser Behandlung – gemanagt werden kann.
Diese neurologische Realität kann nicht einfach durch Willenskraft überwunden werden. In Wahrheit ist es oft genau diese Differenz – zwischen unserem Willen und dem, was uns unser ADHS Gehirn tun lässt – die uns tatsächlich schmerzhaft bewusst ist und die uns selbst dermaßen belastet.

Der Zusammenhang von ADHS und hohem IQ
Warum Intelligenz die Symptome oft verschleiert.
Ein weiteres Missverständnis entsteht durch den Einfluss von Intelligenz auf ADHS.
Es gibt Hinweise darauf, dass Menschen mit ADHS häufiger einen überdurchschnittlichen IQ haben. Was bedeutet, dass ihre kognitiven Fähigkeiten besonders gut entwickelt sind.
Dies kann paradoxer weise zu folgendem führen:
- Überkompensation:
Menschen mit ADHS und hohem IQ sind oft in der Lage ihre Konzentrationsschwierigkeiten durch überdurchschnittliche Intelligenz zu kompensieren. Sie können schnell lernen, Informationen effizienter verarbeiten und kreative Problemlösungen finden. Dies führt dazu, dass ihre ADHS Symptome weniger offensichtlich erscheinen – besonders in schulischen oder beruflichen Kontexten – wo ihre intellektuellen Fähigkeiten ihre Defizite verdecken. - Frustration über Routinetätigkeiten:
Gleichzeitig kann ein hoher IQ dazu führen, dass Menschen mit ADHS besonders frustriert über Routineaufgaben sind die sie als langweilig und unterfordernd empfinden. Diese Diskrepanz zwischen ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit und ihrer Fähigkeit alltägliche Aufgaben zu bewältigen, verstärkt das Gefühl des Versagens und der Ablenkbarkeit. - Erwartungsdruck:
Aufgrund ihres hohen IQs wird von diesen Personen oft erwartet, dass sie in der Lage sind sich in jeder Situation zu konzentrieren oder diszipliniert zu arbeiten. Dies kann zu dem Missverständnis beitragen, dass sie “faul” oder “nachlässig” sind, wenn sie es nicht schaffen Routineaufgaben zu bewältigen.
Doch auch bei hochintelligenten Menschen bleibt das zugrunde liegende Problem der Aufmerksamkeitssteuerung bestehen. Der IQ ist keine “Schutzschicht” gegen ADHS, sondern eher eine zusätzliche Facette, die das Verständnis der Situation komplexer macht.
Der erhöhte IQ bei Betroffenen kann also dazu führen, dass die Herausforderungen durch ADHS übersehen oder heruntergespielt werden.
Was schliessen wir daraus
Fazit
Wenn wir die Vorurteile rund um ADHS richtigstellen, können wir ein besseres Verständnis für die Betroffenen schaffen. Dadurch werden auch der Druck und die Selbstvorwürfe erheblich reduziert – unter denen viele Menschen mit ADHS leiden.
Denn es geht nicht darum, ob sie sich “genug anstrengen”
– es geht darum wie ihr Gehirn arbeitet und wie sie lernen können dieses einzigartige Potenzial bestmöglich zu nutzen.



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